Literatur querbeet

Bevor ich heute den PC anschaltete (und bevor ich wußte, daß mich ein hartnäckiger BSOD nerven würde), hatte ich Gelegenheit, die in letzter Zeit liegengebliebene Literatur – sprich den Zeitschriftenumlauf (ein Hurra den gedruckten Heften!) – abzuarbeiten:

  • Thomas E.Nisonger: „Citation Autobiography: An Investigation of ISI Database Coverage in Determining Author Citedness“ (Abstract) In: College and Research Libraries March 2004, Vol. 65, No. 2. S.152-163
    Achtung! ISI erfaßt nur 42% aller Print-Zitierungen der Artikel eines Autors; zählt man Web-Zitierungen etc. hinzu, dann sinkt die Abdeckungsrate gar auf 29%. Und es sinkt weiter: 20% bei nicht-US- und 2%(!) bei nicht-englischen Zitierungen.
  • Mary M. Case: „Information Access Alliance: Challenging anticompetitive behavior in academic publishing“ (Volltext) In: C&RL News, June 2004 Vol. 65, No. 6. S.310-313, 326
    Die IAA betreibt in den USA Lobbying insbesondere gegen Verlagszusammenschlüsse, die immer zum Schaden des freien Marktes und der Preise stattfinden. (Die sehr lesenswerten Fußnoten klären auf, wen die Multis schon alles geschluckt haben und warum Zusammenschlüsse auch die Preise unbeteiligter Verlage hochschnellen läßt.)

Dann noch ein paar allgemeine Infos:

Nature mit eigenem Open Access rss-feed

Von Thomas Stamm:
Seit dem 19. März führt Nature selbst einen Web-Focus zum Thema Open Access. In der ersten groben Durchsicht der Beiträge geht es weniger um ethische Fragen zur Informationsbereitstellung, sondern vorwiegend um Finanzierungsmodelle. Die Grundhaltung die vermittelt wird, geht offenbar in Richtung „Open Access: realistically? affordable? viable?“
Trotz der high-impact Basis von der diese Debatte geposted wird, scheint doch noch ein publication bias vorzuliegen.

UK-Regierungskommittee macht sich stark für Open Access

Das seit März tagende House of Commons Science & Technology Committee Inquiry into Scientific Publications hat nun seinen offiziellen Report (HTML oder PDF) herausgegeben. Eine Übersicht über die Ergebnisse und Empfehlungen finden Sie im SPARC-OAForum.

  • Im einzelnen werden Autoren und Universitäten mehr als deutlich dazu aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass ihre wissenschaftliche Veröffentlichungen auf Hochschulschriftenservern (Institutional Repositories) zugänglich sind.
  • Dies soll auch negative Ergebnisse einschliessen, die ansonsten ev. nicht publiziert werden würden.
  • Wenn es UK-Autoren nicht schadet, sollen sie dazu verpflichtet werden, das Copyright an ihren Forschungsergebnissen zu behalten. Die Regierung soll dies in die EU-Gesetzgebung einbringen.
  • Es kann noch nicht abgesehen werden, ob Open Access Geschäftsmodelle das Ei des Columbus sind, sie sollen aber unterstützt werden.
  • Der Kernsatz des Reports ist wohl: primary research data should be made available to the scientific community […] It is not for either publishers or academics to decide who should, and who should not, be allowed to read scientific journal articles. Mit available ist gemeint: frei zugänglich, ohne Restriktionen, für jedermann.
  • In diesem Sinne werden auch allen Lizenzverträgen Absagen erteilt, die diese freie Zugänglichkeit in irgendeiner Form behindern.
  • Es darf keine Verträge mehr ohne dauerhafte Rechte an den erworbenen Inhalten geben.
  • Paketverträgen wird eine Absage erteilt. Bibliotheken sollen Zeitschriften nach den Benutzerbedürfnissen vor Ort lizenzieren und Verleger sollen dies nicht behindern.
  • Angesichts der finanziellen Krise sollen die Mehrwertsteuersätze für gedruckte oder digitale Inhalte gleich sein, d.h. ganz wegfallen. Dies soll in der EU harmonisiert werden.
  • Wissenschaftler sind ein (großer) Teil des Problems/der Lösung: until they start to see the provision of journals as, in part, their problem, the situation will not improve.
  • Immer wieder wird im Report ein verleger namentlich genannt: Elsevier. Meist wird dabei ein kleines Lob mit viel Tadel verbunden: The company has seen the direction of trends in publishing and has acted accordingly to minimise criticism of its current policies [but] there are a number of serious constraints to selfarchiving in the model proposed by Elsevier.
  • Verleger werden dringend dazu aufgefordert, sich an vernünftige Profitmargen zu halten: high publisher profit margins need to be set against the context of faltering library budgets and an impending crisis in STM journals provision
  • Auch die Regierung bekommt ihr Fett ab, da sie sich nicht darum kümmert, wo all das Geld bleibt, das sie in die Forschung investiert: We were dismayed that the Government showed so little concern about where public money ended up.

Zuerst gesehen in Open Access News.
Es würde mich nicht wundern, wenn als Konsequenz der Börsenkurs für Elsevier weiter sinkt. Nachtrag: Nein, genau das Gegenteil ist passiert! Die Börse hat wohl Schlimmeres befürchtet 🙁