Rückblick EAHIL-Workshop 2013

(von Maria-Inti Metzendorf, Manuela Schulz)

Sowohl die verschiedenen Workshop-Methoden als auch die Themen der diesjährigen, sehr gut organisierten EAHIL-Fortbildung waren Inspiration und Denkanstoß zugleich. Einen vollständigen Bericht zum EAHIL-Treffen können Sie auf der AGMB-Seite Fachaufenthalte herunterladen.

Eröffnet wurde der EAHIL-Workshop 2013 „Trends for the future – Creating Strategies to Meet Challenges“ von Jonathan Eldredge (University of New Mexico, USA), der über Evidence-based Library and Information Practice (EBLIP) im Zusammenhang mit der Identifizierung und Bewertung von Trends sprach.

Da uns im deutschsprachigen Bereich bisher nur wenige Publikationen zu Methode und Anwendung von „Evidenzbasierter Bibliotheks- und Informationspraxis“ bekannt sind, haben wir das von Eldredge verteilte Keynote-Handout übersetzt:

Definition von „Evidenzbasierter Bibliotheks- und Informationspraxis“
(Evidence-based Library and Information Practice, EBLIP):

„EBLIP stellt einen sequentiellen, strukturierten Prozess dar, um die beste vorhandene Evidenz in das Treffen von wichtigen Entscheidungen zu integrieren. Der professionelle Informationsexperte wendet diesen Entscheidungsfindungsprozess an, in dem er die beste, verfügbare Evidenz nutzt, die er durch eine pragmatische Perspektive aus seiner Arbeitspraxis, die Fähigkeit zum kritischen Denken und das Bewusstsein über verschiedene Forschungsmöglichkeiten bewertet und mit seinem Wissen über die Werte und Präferenzen der Nutzergruppe abstimmt.“ [1]

  1. Frage formulieren
  2. Evidenz ermitteln
  3. Kritische Beurteilung
  4. Anwenden auf Nutzergruppe
  5. Ergebnis evaluieren[2]

 

Alltägliche, kognitive Fehleinschätzungen, die in Bibliotheken auftreten können[3]

Anchoring („Verankern“): Sich bei einer Entscheidung auf einen Fakt oder eine kleine Anzahl von Fakten verlassen, statt alle bekannten Fakten miteinzubeziehen.


Attribution („Attribuierung“): Den Effekt der Persönlichkeit eines Menschen in einer Situation zu überbewerten, während man die Rolle und Macht dieser Person in dieser Situation unterbewertet.

Authority („Machtbefugnis“): Einem Experten oder einer höhergestellten Person eine Expertise oder Macht zuzusprechen, die der Person nicht entspricht. Beispiel: Annahme, dass ein Mathematikexperte auch Expertise in Literatur besitzt.

Confirmation („Bestätigung“): Einen Schluss aus etwas zu ziehen, bevor man alle Fakten einer Situation bewertet hat und sich dann nur auf die Fakten zu fokussieren, die den vorherigen Schluss bestätigen.

Professional Deformation („Professionelle Verzerrung“): Eine Situation durch die in der Profession üblichen Einstellungen aufzufassen, statt eine breitere Perspektive einzunehmen.

Expectancy Effect („Erwartungseffekt“): Die Manipulation einer Situation durch eine Person mit Macht- oder Kontrollbefugnis (z. B. ein Lehrender), so dass ein erwartetes Ergebnis tatsächlich eintrifft (selbsterfüllende Prophezeiung).

Groupthink („Gruppendenken“): An die Autonomie der eigenen Gruppe glauben, jeden außerhalb der Gruppe zu stereotypisieren, Selbstzensur oder Zensur von Andersdenkenden zu betreiben, die Illusion der Einstimmigkeit zu erhalten und einen Konsens der Gruppe zu erzwingen.

Halo or Horns Effect („Schein- oder Fanfareneffekt“): Es zuzulassen, dass die positiven oder negativen Eigenschaften einer Person die Wahrnehmung dieser Person in anderen, nicht zusammenhängenden Kontexten beeinflussen.

Naive Realism („Naiver Realismus“): Der Meinung zu sein, dass man die Welt exakt auffasst, ohne zu berücksichtigen, dass die eigene Physiologie oder frühere Erfahrungen die eigene Weltanschauung geformt haben.

Outcome Bias („Ergebnisfehler“): Ein Ergebnis retrospektiv (im Nachhinein) zu betrachten, basierend auf dem konkreten Ergebnis, statt danach wie das Geschehen zu diesem konkreten Ergebnis führte.

Perseverance of Belief („Meinungsbeharrlichkeit“): Darauf zu bestehen, vorherigen Informationen zu glauben, obwohl diese bereits wiederlegt wurden.

Positive Outcome („Positives Ergebnis“): Nur die positiven Ergebnisse eines Projekts zu betonen, statt eine ausgeglichene Betrachtung zu wagen.

Primacy Effects („Vorrangseffekte“): Eine Information für besonders wichtig erachten, die ursprünglich in einem breiteren Rahmen von Informationen stand, statt die Gesamtinformation in Betracht zu ziehen.

Question Framing („Formulierung der Frage“): Eine Entscheidungsfindung dadurch zu beeinflussen, wie sie präsentiert wird und welche Möglichkeit an Alternativen vorgestellt werden.

Recency Effects („Neuheitseffekte“): Einer Information unangemessene Wichtigkeit zusprechen, die am Ende eines breiteren Rahmens von Informationen stand, statt die Gesamtinformation in Betracht zu ziehen.

Selective Perception („Selektive Wahrnehmung“): Das Beeinflussen der Wahrnehmung einer Situation aufgrund von bereits bestehenden Erwartungen, obwohl Kenntnisse über bestimmte Fakten diesen bereits bestehenden Erwartungen widersprechen.

Status Quo („Bestehende Verhältnisse“): Der Wunsch, die derzeitigen Verhältnisse relativ ähnlich beizubehalten, weil sie besser einschätzbar sind.

Stereotype („Stereotype“): Starre Vorstellung auf der Basis von unvollständigen Informationen über ein Individuum oder eine Gruppe haben.

Storytelling („Geschichten erzählen“): Einer fesselnden Anekdote mehr Wichtigkeit zuzusprechen als die gesamte sachbezogene Information in eine Entscheidung einfließen zu lassen.

Wishful Thinking („Wunschdenken“): Unvollständige Einschätzung einer Situation hinsichtlich eines gewünschten statt eines wahrscheinlichen Ergebnisses.

Worst-Case Scenario („Schlechtmöglichster Umstand“): Betonung oder Überbewertung aller möglichen negativen Ergebnisse statt aller möglichen Ergebnisse.


[1] Aus dem Englischen übersetzt nach: Jonathan Eldredge: EAHIL 2013 Keynote Handout.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

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