Klinikleitfäden vs. Kittelcoach

Seit kurzem hat der Elsevier-Urban & Fischer-Verlag seine Buchserie Klinikleitfäden auch als App in den iTunes-Store eingestellt.

Bei den Klinikleitfäden handelt es sich um praxisnahe und alltagerprobte Reference Works, die unter Berücksichtigung der aktuellen Leitlinien erstellt werden – also eine ideale Informationsquelle für das schnelle Nachschlagen unterwegs.

Die App kann gratis heruntergeladen werden und enthält Testkapitel aus 11 Fachgebieten. Sie wurde zunächst für das iPhone programmiert, soll aber bald auch für das iPad zur Verfügung stehen. Die iPhone-Version ist bereits sehr ausgereift und läßt kaum Wünsche offen, was für das iPad höchsten Lesegenuß und damit eine echte Alternative zum gedruckten Buch verspricht: Der gesamte Index aller – gekauften – Titel ist durchsuchbar, Notizen können hinzugefügt, Favoriten gespeichert und besuchte Kapitel wieder aufgerufen werden.

Elsevier’s Klinikleitfäden steht in direkter Konkurrenz zu Thieme’s Kittelcoach. Im Gegensatz zu der Klinikleitfäden-App kostet die Kittelcoach-App 4,99 Euro, wofür man aber die „Checkliste Neurologie“ in der 4. Auflage gratis dazu bekommt.

Wie aus den Kommentaren bei iTunes deutlich wird, ist der Preis für das Buch selber (via In-App-Kauf) ein wichtiges Entscheidungskriterium. Das App-Buch wird – wie vermutet – nur dann gekauft, wenn es preiswerter ist als das gedruckte Pendant, da man sich – so ein viel geäußertes Argument – „bei Preisgleichheit doch direkt das gedruckte Buch kaufen könne“.

Während Elsevier diese Erwartungshaltung zumindest ansatzweise bedient, da die App-Bücher 5 bis 15 Euro günstiger sind als das gedruckte Buch, setzt Thieme auf das Konzept, das App-Buch kostenlos zum Print-Buch mitzuliefern (die umgekehrte Idee, das Print-Buch zum App-Buch kostenlos hinzu zu liefern, ist gescheitert und wurde am 11.6. von Thieme eingestellt). Das Geschäftsmodell „gedrucktes Buch“ verspricht in den Augen des traditionsreichen Familienverlags wohl noch immer am meisten Stabilität, Umsatz und Rendite. Auch wenn inzwischen viele Nutzer ein E-Buch aus Praktikabilitätsgründen gegenüber dem Print-Buch bevorzugen würden, wenn es denn nur (etwas) preiswerter wäre!

Interessant bis verwunderlich ist dagegen die iTunes-Erklärung von Thieme, wieso man das App-Buch nicht günstiger als das Print-Buch anbieten könne:

Mal ehrlich – eine Checkliste kostet einfach, was sie immer kostet. Denn der Preis hängt nicht am Format, sondern an den Inhalten – die sorgfältig und aufwändig überlegt, erfasst, aufbereitet und redigiert werden müssen. Dieser Aufwand und diese Sorgfalt werden immer das meiste Geld kosten – egal ob für eine App oder ein Buch oder sonst ein Format. Es kann also keine Checklisten-App für den halben Preis (oder noch weniger) geben.

Kein Satz über den Zwischenhandel (Buchhandlungen oder Apple), Preisbindung oder eingesparte Kosten wie Druck oder Distribution.

Ich bin mal gespannt, welches Geschäftsmodell sich durchsetzen wird und ob die 10-20% Einsparungen, die Elsevier bei App-Büchern anbietet, ausreichen, um einen signifikanten Marktanteil von den gedruckten Büchern abzuziehen.

[aus Aktuelles]

3 comments for “Klinikleitfäden vs. Kittelcoach

  1. Sarah Bleicher
    28. Juni 2012 at 10:06

    Ich verstehe nicht, was an der Aussage von Thieme verwunderlich sein soll. Wenn die meisten Kosten bei der Generierung der Inhalte enstehen, ist es doch logisch, dass sich die Produktformen im Preis nur wenig unterscheiden. Schließlich steht überall das Gleiche drin.

  2. obst
    28. Juni 2012 at 10:30

    Die Aussage „Dieser Aufwand und diese Sorgfalt werden immer das meiste Geld kosten“ läßt ja bewußt viel Raum für Interpretation. „Das meiste“ heißt ja erstmal nur „mehr als 50%“. Und nach all dem, was ich so höre, gehen 35% für Druck und Vertrieb drauf. Das hiesse, das App-Buch könnte ein Drittel (!) billiger sein. Ich finde das schon einen nicht geringen Unterschied im Preis. Die Einsparung wird nicht an den Kunden weitergegeben, sondern der Verlag streicht sich das in die eigene Tasche.

    Und hierbei haben wir ja noch nicht einmal den Fakt berücksichtigt, dass der komplette Zwischenhandel umgegangen wird. Ok, Apple verlangt auch seinen Anteil von 30%. Aber ich meine mich erinnern zu können, dass Buchhandelsrabatte mindestens in derselben Größenordnung liegen, wenn nicht höher.

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