„Bibliothek“ wird zunehmend in Anführungszeichen gesetzt

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Louis E. Lataif läßt sich in Universities On The Brink (Forbes Magazine 1.2.2011, thanks to Mark Rabnett) über die steigenden Kosten für Unis aus. Auch die Bibliothek bekommt dabei ihr „Fett ab“:

As you think forward just 10 more years, do you think you’ll see students carrying 50-pound backpacks of books? Costs and fees can be reduced by offering the textbooks and other reading material electronically. Having to buy physical text books will seem Neanderthal to tomorrow’s students.

And for future students, what will a „library“ be? These students will have in their pockets handheld devices that can access virtually everything that’s ever been published.

Nicht nur in US-Unis ist die Lage kritisch, sondern auch bei uns werden „Spardiktate“ zunehmen – das ist nunmal die logische Folge von auf Pump aufgeblähten Haushalten. Auch in der Bildung.

Wir fragen uns dieser Tage auch, ob das noch „Bibliothek“ heißt, was wir derzeit auf- (bzw. eher ab-) bauen. Wie nennt man den Raum, der entsteht, wenn Bücher und Zeitschriften aus ihm verschwinden und nur noch Arbeitsplätze zurückbleiben? „Bibliothek“? Information Center? Learn Center? Learn Center w/ books?

Genauso, wie der Sinn des 300 Jahre alten Publikationswesens angezweifelt wird, wird auch der Sinn der Institution „Bibliothek“ in Frage gestellt. Und das ist gut so.

7 comments for “„Bibliothek“ wird zunehmend in Anführungszeichen gesetzt

  1. ob
    11. Februar 2011 at 10:49

    Ben Kaden: Es heißt „Anführungszeichen“ nicht Ausführungszeichen! Und ich denke wie Sie, dass man „Bibliothek“ nicht gleich „gedrucktes Buch“ setzen sollte. Denn der Status Quo lehrt, dass man dann schnell in Definitions- und Erklärungsnöte kommt. Aber man sollte sich mit einer traditionellen Umschreibung unbedingt auseinandersetzen, vielleicht erkennt man dan, dass es weniger um den Container als um den Content / die Community geht.

  2. Ben
    11. Februar 2011 at 1:47

    Die „Ausführungszeichen“ waren in der Tat eine Art ungewollte Doppelbödigkeit, die mir erst nachträglich bewusst wird. Sie erscheint mir jetzt aber ganz passend, wird doch die Bibliothek damit in gewisser Weise aus dem Diskurs als ernsthafter Gegenstand hinausgeführt.

    Ich teile die Auffassung, dass der Container eine nachgeordnete Rolle spielt, übrigens nicht. Es geht vielmehr in den meisten meiner jüngeren Überlegungen um die Frage, wie eine bestimmte Medienform dispositiv auf die durch sie vermittelten Inhalte wirkt.

    Content und Container sind für mich keine gesonderten Einheiten, die man beliebig austauschen kann. Sie bleiben voneinander anhängig. Die dritte Größe in diesem Geflecht ist die erwähnte Community, also der wahrnehmende und interpretierende Mensch. Der Fokus jeder bibliothekswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Transformation von Medien muss m.E. diese drei Aspekte berücksichtigen. Sie sind in meiner Betrachtung gleichberechtig zu verstehen. Der zentrale (vierte) Baustein liegt dazwischen und betrifft die Wechselbeziehung und -wirkung der drei anderen.

  3. ob
    13. Februar 2011 at 10:13

    Danke für die „Ausführungen“, die ich in Zukunft gerne anführen werden. Ihr Hinweis auf die wechselseitigen Abhängigkeiten ist sehr richtig, auch wenn ich das eine C (Container) etwas schwächer einschätze. Wenn die physische Bibliothek der Container ist, dann leben wir in einer Zeit, wo diese immer weniger werden. Trotzdem gibt es weiter Informationsbedürfnisse, werden weiter Bücher (und „Bibliothekare“) gebraucht, wird das Lesen Teil des Menschen sein.

    In dieser (zugegebenermassen engen, aber das war ja der Ausgangspunkt der Diskussion) Definition von Container würden am Ende nur die anderen beiden Cs übrig bleiben.

  4. ob
    15. Februar 2011 at 8:11

    Ach, hier noch zwei Zitate in diesem Zusammenhang:

    Muss dieser „ideale“ Raum überhaupt etwas mit der Bibliothek/den Bibliothekaren zu tun haben („Stören wir da schon?“). Wenn jeder mit einer Smartcard rein kann, muss das nicht die „Bibliothek“ sein. Auf die folgende Frage wusste keiner wirklich eine Antwort: „Wenn die Auskunft oder die Ausleihe wegfällt oder automatisiert wird, was definiert dann noch diesen Raum als Bibliothek?“ In diesen Zusammenhang denkt man an die Extinction Timeline, die für 2020 die Auslöschung bzw. das Unwichtigwerden von Bibliotheken vorsieht und für 2040 diejenige von kostenfreien öffentlichen Orten.

    Oliver OBST: 2. Zukunftskolloquium der Zweigbibliothek Medizin der Universität Münster, 28./29. Juni 2010

    The definition of the library will change as physical space is repurposed and virtual space expands.

    ACRL Research Planning and Review Committee. 2010 top ten trends in academic libraries: A review of the current literature. Coll Res Library News. 2010;71(6):286-92.

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