Volker Johst: Vier Jahrzehnte – Nachdenken über mein Leben
in der DDR.-
Dessau: Machtwortverlag, 2009.- 419 S.- 14,95 Euro –
ISBN 978-3-86761-052-0

Neun Jahre nach seinem Abschied von der Leitung der
Charité-Bibliothek in Berlin bringt unser lieber Kollege
Volker Johst das von ihm angekündigte Werk in Form einer
Biographie heraus.
Es ist ein sehr lesenswertes Buch, das sein Schicksal vom
Beginn des 2. Weltkrieges bis zum Jahr 2000 schildert. Ein bemerkenswertes Schicksal, das vollkommen von der politischen Entwicklung der DDR geprägt wurde.
Paradigmatisch wird aufgezeigt, wie der Staat in das
persönliche Schicksal seiner Bürger eingriff, wie von
Schul- und Jugendzeiten an Kontrolle durch Lehrer,
Vorgesetzte, Behörden und sogar Nachbarn ausgeübt
wurde. Es wird aber auch aufgezeigt, dass man sich nicht
anpassen musste oder gar linientreu politisch agieren musste.
Es gab Möglichkeiten, eine kritische Distanz zu wahren. Wenn
dies auch fall- und zeitweise mit deutlichen persönlichen
Nachteilen verbunden war.

Volker Johst hatte mit Glück ein Studium der Biologie und der Bibliothekswissenschaft aufnehmen und zum Abschluss führen können, dabei hatten sich seine Präferenzen für die
Verhaltensbiologie entwickelt. Dies war ein Forschungsgebiet,
das in der DDR keine Unterstützung fand, da der Staat keinen
Nutzen aus den Erkenntnissen ziehen konnte, ja fachliche Forschungsergebnisse eher fürchten musste, da sie nicht im Einklang mit der ideologischen und damit politischen Linie
standen.
Aus politischen Gründen – Herr Johst hatte sich stets
geweigert, in die SED einzutreten und unkritisch den Oberen
und Vorgesetzten nach dem Mund zu reden – konnte er sich
nicht habilitieren und damit eine Lehrtätigkeit aufnehmen.
Stattdessen nahm er eine Ausbildung zum wissenschaftlichen
Bibliothekar auf und wurde 1972 Mitarbeiter des IWIM (Institut
für Wissenschaftsinformation in der Medizin), der Zentrale Informationsvermittlungsstelle für die Medizin und das Gesundheitswesen der DDR. Hier führte er neun Jahre
Recherchen in Medline durch, wobei das DIMDI als Host
nicht genutzt werden durfte; die Recherchen fanden im Computersystem des Medical Information Center (MIC) in Stockholm statt.

Der Autor nimmt bei der Erläuterung der Geschehnisse in
der DDR immer wieder Bezug auf Erkenntnisse der
Verhaltensbiologie. Sie erklärt z.B. mit der Theorie der Gruppenverteidigungsagressivität, warum Schüler solidarisch zusammenhalten und sich gegenüber Einflüssen von außen,
in diesem Fall der aufoktroyierten politischen Ablehnung des Ungarnaufstands 1956, wehren.

Man merkt auf allen Seiten, dass es das Herzensanliegen von
Herrn Johst war, seine Lebensgeschichte zu erzählen als die
des Bürgers eines Staates, in dem er zwar physisch zu Hause
war, aber geistig-seelisch nicht zuhause sein konnte. Wie hat
er es als Erleichterung empfunden, als dieses Staatsgebilde 1989 zusammenbrach und der Weg in den Westen frei wurde.
Herr Johst wurde bald zum Leiter der Charité-Bibliothek und
baute diese zu einer führenden Medizinbibliothek in Berlin aus.

Die Biographie von Volker Johst kann allen Lesern nur sehr zur
Lektüre empfohlen werden. Sie trägt dazu bei, das Verständnis
für seine persönliche Schicksalsgeschichte zu entwickeln und
auch die geschichtliche Entwicklung eines wichtigen Teils des Gesamtstaates Deutschland nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

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