Was „Open Access“ kostet – FAZ-Argumentation für Steuerzahler

Uwe Jochum, Was „Open Access“ kostet: Eine Bitte an den Steuerzahler, genau hinzuschauen. FAZ Mi 17. Juni 2009, Nr. 137, S. N 5 in Natur u. Wissenschaft (nicht online).

Seit August 2007 ist klar, dass „Open Access“, die Einstellung aller wissenschaftlichen Texte auf Internet-Plattformen, das wissenschaftliche Publizieren nicht billiger macht. Denn damals kündigten die Kline Science Library und die Cushing/Whitney Medical Library, die zum Bibliothekssystem der Universität Yale gehören, ihre Mitgliedschaft bei „BioMed Central“ (BMC), der großen und kommerziell erfolgreichen Open-Access-Plattform. Dieser Schritt sorgte unter den Anhängern des elektronischen Publizierens für Verblüffung. Yale machte öffentlich, dass man sich von Seiten der Bibliothek an BMC erst dann wieder beteiligen wolle, wenn dort ein „gangbares Geschäftsmodell“ vorgelegt würde. Damit hatte sich in Yale bewahrheitet, was eine an der Medizinischen Universität Wien ein Jahr zuvor unternommene Studie – http://www.egms.de/pdf/journals/mbi/2007-6/mbi000050.pdf – erhoben hatte: Open Access bringt für die Zeitschriftenetats der Bibliotheken keine Entlastung, ganz im Gegenteil.

Was mich besonders aufmerken läßt, ist die Zitierung eines Artikels aus eGMS. Bei diesen Berechnungen wird aber leider immer wieder vergessen, dass die Hälfte aller OA-Journals keine Autorengebühren verlangt (Jochum weiß dies, zitiert aber trotzdem die Studien). Die in diesem Zusammenhang auch immer wieder gerne zitierte Cornell-Studie ist ebenfalls überholt, stattdessen sollte man lieber zu vernünftigen Untersuchungen wie OA would save the Netherlands 133 million Euros/year greifen.

Und Jochum weiß auch genau, warum Yale bei BioMed Central ausgestiegen ist:

Der Grund: In Yale arbeiten alleine an der School of Medicine 1849 Wissenschaftler. Müsste Yale jedem von ihnen pro Jahr auch nur einen Beitrag bei BMC finanzieren, würden rund 2,5 Millionen Dollar fällig werden.

Tatsächlich würde Yale gerne wieder bei BMC einsteigen, wie aus der Presseerklärung klar hervorgeht:
We believe in the widest possible access to scholarly research supported by workable business models and should BioMedCentral develop a viable economic model which allows them to more equitably share costs across all interested stakeholders, we would consider renewing our financial support….

Yale hat es schlicht und einfach nicht geschafft, innerhalb der Uni rechtzeitig ein nachhaltiges Modell zu entwickeln, wie z.B. einen gemeinsamen Budgettopf zusammen mit Forschern und Forschungsförderern, siehe die Uni Nottingham.

Jetzt wird’s ganz kryptisch, denn Jochum – ungetrübt von irgendwelcher Evidenz – fängt an zu rechnen, das den Milchmädchen die Haare zu Berge stehen:

Geht man nun davon aus, dass Open Access ein Publikationsmodell für alle Wissenschaften werden soll, für sämtliche 175 000 Wissenschaftler, die die Deutsche Bildungsstatistik für das Jahr 2007 zählt, Open-Access-Veröffentlichungen finanzieren. Fallen dabei kostenwahre Gebühren wie bei PLoS an, muss der Steuerzahler für eine Publikation pro deutschem Wissenschaftler einen Betrag von 316 Millionen Euro bereitstellen. Bei zwei Publikationen werden 632 Millionen Euro fällig, bei drei Veröffentlichungen sind wir dann schon knapp unter einer Milliarde Euro.

Dabei betragen die Kosten für das gesamte weltweite Publikationswesen laut Velterop ca. 7 Mia. Euro, die bei einer Umstellung auf Open Access nur in andere Kanäle fliessen müßten. Bei 30% Profitabschöpfung durch kommerzielle Verlage könnte ich mir auch eine deutliche Einsparung vorstellen.

Außerdem redet Jochum einer vollkommen lächerlichen Konkurrenz zwischen Open Access / Wiss. Bibliothekswesen das Wort, als wenn man nur jeweils eins haben könnte und eine Entscheidung für Open Access eine gegen das Bibliothekswesen sein müßte. Gegen das Bibliothekswesen in der jetzigen Form vielleicht, aber ist das überhaupt eine lebensfähige Alternative, sich von diesen Entwicklungen abzukoppeln?

Jochum spricht die m.E. wichtigen Themen alle nicht an: Zeitschriftenkrise? Nie gehört! Wirtschaftskrise und reduzierte Bibliotheksetats inkl. massenhaften Abbstellungen am Horizont? Was schert mich das! Paradigmenwechsel und zukünftige Ausrichtung bei Bibliotheken? Nein, ich lebe lieber in der Vergangenheit!

4 comments for “Was „Open Access“ kostet – FAZ-Argumentation für Steuerzahler

  1. CH
    19. Juni 2009 at 1:18

    Bitte als Leserbrief bei der FAZ einreichen!

  2. 20. Juni 2009 at 10:41

    Ich habe die Cornell-Studie auf dem neuesten Stand gebracht (http://www.sennoma.net/main/archives/2009/06/update_and_correction_re_cost.php). Mit neuen Zahlen und Annahmen, die gleichen Berechnungen zeigen, dass OA preiswerter für die meisten Bibliotheken ist.

    Eine andere Sache, dass häufig vergessen wird, ist, dass die meisten Zeitschriften ziehen auch Autor-Seite Gebühren ein — zusätzlich zu Abonnement. Für die Studien, die von der NIH finanziert sind, diese Kosten durchschnittlich rund USD1200/artikel sind (gleiche Link).

    (Entschuldigung für mein Deutsch, das wahrscheinlich voller Fehler ist.)

  3. ob
    22. Juni 2009 at 10:13

    Danke für die Aktualisierung! Ihr Deutsch ist wirklich sehr gut!

  4. ob
    22. Juni 2009 at 10:18

    @ch Ich bin nicht so der Typ „Leserbriefschreiber“. Aber Sie können mich gern zitieren.

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