Nachtrag zur AGMB-Podiumsdiskussion in Düsseldorf

Im Rahmen des 94. Deutschen Bibliothekartages in Düsseldorf hat die AGMB, als Reaktion auf den im Laborjournal (12/2003) erschienenen Beitrag „Ansichten eines Profs: Uni-Schmarotzer – Der Schwund übernimmt die Bibliotheken“ von Prof. Axel Brennicke, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bibliotheken – Schmarotzer in Universitäten und Kommunen“ veranstaltet. Darüber wurde im medinfo weblog am 8. bzw. 10. März berichtet.

Dr. Hubert Rehm (alias “Siegfried Bär”), der am 18. März in Düsseldorf am Podium die Position des „Bösen spielen musste“ (was ihm sehr überzeugend gelungen ist), hat nun zu der von ihm vertretenen Position im Laborjournal (09.06.2005) ein Editorial geschrieben, in dem er den Bibliothekarinnen (Bibliothekare kommen bei ihm nicht vor) eine neue zukunftsweisende Rolle zuordnet:

    „Wo passen hier die Bibliothekarinnen hinein? Wofür werden sie bezahlt?
    Sie verwalten die Journale nicht mehr, sie machen sie. Neben Chefredakteur und Gutachter muss es auch jemanden geben, der die Zeitschrift in Form bringt und dafür sorgt, dass sie rechtzeitig herauskommen. Das übernehmen die Bibliothekarinnen. Damit haben sie eine neue und sinnvolle Rolle.“

6 comments for “Nachtrag zur AGMB-Podiumsdiskussion in Düsseldorf

  1. ob
    16. Juni 2005 at 2:42

    Oh weh! 🙁 Das zeigt mal wieder, wie unsagbar schwer es ist, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten des wissenschaftlichen Publikationswesens jemandem verständlich zu machen. Das wurde bereits in Düsseldorf versucht, aber vergebens: Selbst ein interessierter Wissenschaftler, der sich fachkundig gemacht hat, stellt steif und fest folgende „Beweiskette“ zusammen:

    • Meine Bibliothek ist leer -> Alle Bibliotheken sind leer -> Kein Bedarf für Bibliotheken -> Bibliothekare arbeitslos (bis auf das bisschen Verwalten von Lizenzen und Passwörtern) -> Neue und höherwertige Beschäftigung (aber bitte nur unterhalb des Chefredakteurs) als Universitätsverlag

    Mir sträuben sich die Haare! =:-( Gibt es denn in der Welt von Herrn Dr. Rehm keine wissenschaftlichen, promovierten Bibliothekare, sondern nur Klischees? Und so nett der Vorschlag von den Univerlagen auch gemeint sein mag, er geht doch vollkommen an der Realität vorbei, siehe GMS: Hier haben es die medizinischen Fachgesellschaften noch nicht mal geschafft, den Start durch einen virtuellen Impact Faktor für die den GMS-Zeitschriften zu erleichtern. Und bis auch nur 30% aller weltweit publizierten Artikel „open access“ sind, dauert es Jahre / Jahrzehnte, wenn nicht eine §§-Top-Down-Lösung kommt, denn selbst die mächtige NIH ist vor den kommerziellen Verlagen eingeknickt.

  2. 20. Juni 2005 at 9:08

    Au weia, da waren wir wohl in Düsseldorf nicht deutlich genug in Bezug auf die Aufgaben und das Leistungsvermögen von (wissenschaftlichen) Bibliotheken. Wir sind fähig zu Selbstkritik – das ist die einzige positive Botschaft, die angekommen ist. Darum ging es aber nicht wirklich. Herr Rehm alias Bär – durchaus ein angenehmer Mensch – beharrt auf seiner Sicht der Bibliotheken – und die ist, ich muss es offen sagen, eine regelrechte Ohrfeige für uns und insbesondere für die weiblichen Vertreter unseres Berufszweiges. Regen sich die Herren zu Recht darüber auf, dass sie in des Professoren Welt gar nicht vorkommen, so möchte ich persönlich – und mit mir sicher jede Menge Bibliothekarinnen – auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden mit „jenen saften, leisen, freundlichen Wesen mit dem Hauch von Bücherstaub auf dem Rouge“. Wirken wir tatsächlich so? Liegen wir mit unserer Eigenwahrnehmung so falsch? Oder liegt die Fremdwahrnehmung doch krass daneben?
    Fakt ist: wenn Bibliotheken und ihre Mitarbeiter allgemein so wahrgenommen werden wie im Editorial ausführlich beschrieben, dann müssen wir uns nicht wundern, dass die Sachprobleme (s. Kommentar Obst) nicht richtig oder gar nicht diskutiert werden. Kompetenzen, Wissen und wegweisende Lösungen traut man uns dann nämlich gar nicht zu – und sucht folgerichtig Gesprächspartner überall, aber nicht in Bibliotheken.
    Mit scheint, Bibliotheken sind mit ihrer Imagepflege, mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit und mit ihren Leistungen noch immer nicht ins Bewusstsein derer gedrungen, für die wir das eigentlich alles machen.
    Woran liegt das?

  3. ob
    21. Juni 2005 at 11:30

    Woran liegt das? – Gute Frage! Die einzige „Bücherstaub auf dem Rouge“-Vertreterin auf dem Podium ist jüngst IFLA-Präsidentin geworden – das sollte eigentlich jedem Klischee Hohn sprechen. Leider sind diese Vorurteile – auch gefördert durch Kindheitserlebnisse und etliche Hollywood-Streifen – felsenfest verankert. Auf der anderen Seite entspricht es natürlich auch unserem Eigenbild, „sanfte, leise und freundliche“ – auf jeden Fall aber hilfreiche – Geister zu sein. 🙂 Und was hinter der Tür „Bibliotheksverwaltung – Für Benutzer kein Durchgang!“ vor sich geht, tja, das läßt sich schlecht vermarkten. Also ich bin für das verglaste Großraumbüro mitten in der Bibliothek! Oder noch besser: Ich stell‘ mir das so ähnlich vor wie an der Frankfurter Börse: Bibliothekarinnen in gestärktem Business-Outfit rennen durch die Gegend, fuchteln hektisch mit den Händen, signalisieren ohne Punkt und Komma in Zeichensprache während sie gleichzeitig einen Kunden am Handy beruhigen – und auf der großen Bildschirmleinwand vor Kopf erscheint in Großbuchstaben: +++ Springer-Zeitschriften zur Zeit on hold +++ Elsevier-Titel aufgestockt +++ Wiley Homepage: Fehlercode 404 +++ e-Books plus 20% +++ Workshop on Information Literacy in der Lobby +++ 😀

  4. 23. Juni 2005 at 1:18

    Über Geld spricht man nicht, oder doch? Wenn wir – wie die Politiker – einen Image-Berater brauchen und unser Programm (wir haben wenigstens eines) besser im Business-Outfit vermarkten können, o.k. Aber vielleicht könnte man das Gehalt einer Diplom-Bibliothekarin dann auch dem einer Börsianerin anpassen – oder wer finanziert das Outfit?

  5. ob
    23. Juni 2005 at 5:17

    Ja, die ewige Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit! 🙁 Das Thema eignet sich auch schoen fuer eine Weblog-Umfrage. Wie waere es mit der Frage: „Was halten Sie von Imagepflege/Marketing?“ – Antwort: (1) nichts, der Service spricht fuer sich, (2) wichtig fuer Aussenwirkung, (3) werbung fuer Dienstleistungen ist notwendig, (4) wer nicht weiss, was die Bibliothek bietet, ist selber schuld, usw.

  6. 28. Juni 2005 at 6:01

    Wer nicht beim „Oh weh!“ stehen bleiben, sondern „die Aufgaben und das Leistungsvermögen von (wissenschaftlichen Bibliotheken)“ in den Mittelpunkt der Diskussion ruecken will, ist herzlich eingeladen, ein Statement fuer die kommende Ausgabe von MEDIZIN – BIBLIOTHEK – INFORMATION zu verfassen, die dem Schwerpuntthema „Medizinische Forschung & Medizinbibliotheken“ gewidmet sein wird.
    Beitraege bitte bis zum Redaktionsschluss – 15. August 2005 – per E-Mail an den Chefredakteur: bruno.bauer@meduniwien.ac.at.

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